Denn ich fresse nicht nur Jungfrauen!

Dienstag, 31. Oktober 2017

Rezension: The Way of Kings (The Stormlight Archive #1) von Brandon Sanderson

Nun trägt der nachfolgende Text das Label einer Rezension, aber so wirklich eine Rezension ist es nicht. Eher eine Eskalation von purem Nerdgasm. Denn anders kann ich weder The Way of Kings noch irgendeinen anderen der Nachfolgebänder des Stormlight Archive von Brandon Sanderson besprechen. Das führt für mich eigentlich zu genau demselben Grund, warum ich Tolkien nicht rezensiere: Es ist genial, Punkt, aus. Daran gibt es nichts zu diskutieren. Daher müsste die Frage für dieses Buch heißen: »Was ist hieran eigentlich nicht geil?«, statt »Wie gefiel es mir persönlich?« Da diese Frage aber sehr schnell mit »Nichts« zu beantworten ist, stellen wir lieber die Frage: »Was genau ist hieran geil?«

The Way of Kings ist der Auftaktband des Stormlight Archives, der Reihe, die wohl als der Kern des Cosmere bezeichnet werden kann – für Brandon selbst ist das die Geschichte, die er schon immer erzählen wollte, bisher aber nicht konnte, weil sie so enorm ist. Und The Way of Kings ist erst der Anfang, der im Vergleich zu Words of Radiance oder gar Oathbringer noch ganz zart aussieht.

Kaladin war nicht immer ein Sklave in den Brückenmanschaften des Großprinzen Sadeas. Einst war ihm der Weg eines Chirurgen in Kharbranth beschieden. Irgendwie landete er dann aber als Speermann in der Armee Prinz Amarams und wurde von dort aus in die Sklaverei verkauft. Nun ist er am Boden der Gesellschaft angekommen, mitten unter den Ärmsten der Armen. Denn die Brückenmänner sind zum Sterben verurteilt. Kaladin hätte beinahe den Freitod gewählt, wäre da nicht das seltsame Sprengsel Syl, das sich an ihn gebunden hat und ihn zum Kämpfen ermuntert. Sie beide ahnen nicht, dass sie damit den ersten Schritt auf dem Pfad der Strahlenden Ritter getan haben. Im fernen Kharbranth derweil sucht Shallan Davar die Lehre der Häretikerin Jasnah, um von ihr die nur denkbar beste Ausbildung zu erhalten – und um ihren Seelengießer zu stehlen. Doch sie muss entdecken, dass Jasnah an etwas viel größerem forscht, das weit über den Untergang des kleinen Hauses Davar hinausgeht.

Life before death.
Strength before weakness.
Journey before destination.
Das erste Ideal der Strahlenden Ritter, The Way of Kings, S. 1036.


Ich bin jemand, der saugeiles Worldbuilding über alles schätzt. Und besser als das hier geht einfach nicht. Nur genauso gut, und das findet sich bei Tolkien. Roshar ist eine sturmumtoste Welt. Großstürme von enorm zerstörerischer Wucht ziehen in regelmäßigen Abständen von Westen her kommend über den gesamten Kontinent und prägen Leben auf ihn in allen Aspekten. Alles auf Roshar ist auf die Großstürme ausgerichtet, Tier, Pflanze und Mensch. Auf uns mag Roshar fremd erscheinen, doch gerade das macht den Reiz dieser Welt aus. Brandon schafft es exzellent, eine so fremde Welt so greifbar zu machen, als wäre man selbst ein Alethi und mit deren Kultur aufgewachsen.

In Roshar gibt es zahlreiche Kulturen, und jede von ihnen ist einzigartig, viele gar fremdartig. Dass Alethi Damen ihre linke Hand, die Schutzhand, verbergen, da eine entblößte Schutzhand als anstößig gilt, ist dabei nur das geringste. Leute, so gestaltet man eine fremde Welt: in vielen kleinen Details von unserer abweichend, aber nicht zu fremd und alienhaft, und gleichzeitig so, als fühlte sie sich an, als sei das alles die natürliche Ordnung der Dinge.

Roshar ist einfach episch und gewaltig. Alles hieran ist eine Nummer größer. Khriss, die Verfasserin der Ars Acana am Ende eines jeden Cosmere-Bandes, schreibt passenderweise in Arcanum Unbounded zum Rosharan-System und besonders zum Planeten und Kontinent Roshar, dass man sich hier regelrecht zwergenhaft vorkommt. Es gibt zahlreiche riesige Krustenkreaturen wie die friedlichen Chulle, die als eine Art Lasttiere eingesetzt werden, oder gar die gigantischen Kluftteufel, die in den riesigen Kluften der Zerbrochenen Ebene hausen und regelmäßig ganze Bataillone verschlingen.

Und dann gibt es da natürlich noch die Splitterklingen und –rüstungen (Shardblades und Shardplates im Original, was einfach viel besser klingt, wie ich finde). Die Rüstungen geben ihrem Träger übermenschliche Kräfte und auch die Klingen scheinen nicht von dieser Welt. Sie schneiden lebendes Gewebe nicht, sondern brennen direkt die Seele aus ihm. Wird man von einer Splitterklinge getroffen, stirbt man mit brennenden Augen. Ritter in solch einer Rüstung sind eine imposante Erscheinung, die wunderbar in das Erscheinungsbild Roshars passen, wo alles größer wirkt. Außerdem, ganz nebenbei, ist der Kontext der Rüstungen endlich einmal eine wunderbare Erklärung für die völlig übertriebenen Rüstungssets, die ein Trope der Fantasy geworden sind. Hier macht das wenigstens Sinn!

Die Großstürme, die regelmäßig über Roshar herziehen, tragen in sich Sturmlicht, die essenzielle Kraft des Systems. Sturmlicht wird nicht nur als Lichtquelle in Glaskugeln verwendet, die gleichzeitig auch das Währungssystem sind, sondern auch beispielsweise, um die überirdischen Kräfte der Splitter zu betreiben.

Der Assassine in Weiß, welcher König Gavilar und Alethkar tötete und damit den Krieg der Alethi gegen die Parshendi auf der Zersplitterten Ebene auslöste, konnte mit Sturmlicht jedoch noch viel mehr. Es scheint, dass er die Kräfte der verschollenen Strahlenden Ritter besitzt.

Man merkt Roshar an, dass es eine alte und turbulente Geschichte besitzt, auch wenn vieles davon in den Wogen der Zeit verschollen ging. Nur wenige Menschen wie Jasnah sind in der Lage, aus den Fragmenten, die aus den mythischen Zeiten erhalten blieben, die Wahrheit herauszufinden. Das Gefühl, dass in der Ferne eine Ruine auftaucht, die eine alte, längst vergessene Geschichte in sich trägt, kann Brandon in Roshar ebenso gut vermitteln wie Tolkien in Mittelerde, vielleicht sogar besser, weil es (noch?) nicht viel zur Vergangenheit Roshars gibt.

Eines weiß man jedoch: Die Strahlenden Ritter, welche unglaubliche Fähigkeiten besaßen, sind verschwunden. Niemand weiß, wieso, aber allgemein wird von Verrat an der Menschheit gesprochen. Etwas Schreckliches passierte damals, als die Bringer der Leere die Welt beinahe zerstörten. Niemand weiß so recht, wer die Bringer der Leere sind, doch nun scheint es, als würden sie zurückkehren, um in der letzten, der Wahren Wüstwerdung Roshar zu vernichten.

Und dann sind da noch die unglaublich inspirierenden Charaktere. Wer schon einiges von Brandon gelesen hat, weiß, dass seine Charaktere häufig auf eine ganz bestimmte Art und Weise denken. So auch hier.

Es ist ermutigend zu sehen, wie sich Shallan, Kaladin und Dalinar Kholin durch alle Widrigkeiten boxen. Shallan will um jeden Preis als Mündel Jasnahs aufgenommen werden, obwohl Jasnah alles daran setzt, sie abzuschütteln. Kaladin gar wird in die Sklaverei verkauft und muss dort erdulden, dass er als lebendes Schild für die Soldaten Sadeas‘ missbraucht wird. Großprinz Dalinar erlebt Visionen, von denen er glaubt, dass sie vom Allmächtigen kommen, und die ihm sagen, dass er »sie« vereinigen soll. Kaum jemand glaubt ihm, seine Autorität als Kriegsherr und legendärer Schwarzdorn wird untergraben. Mit Cleverness und Verbissenheit boxen sie sich durch alle Hindernisse und das wirkt einfach ermutigend, besonders, wenn man selbst in einer schwierigen Zeit steckt.

Jeder Stormlight-Band ist ein wahres Monster (was sich von Band zu Band sogar noch zu steigern scheint). Und trotzdem sind sie alle extrem kurzweilig. Es passiert immer etwas, bei dem man am Ball bleiben muss, um zu wissen, wie es weitergeht. Mal sind es packende Ereignisse, mal die Charaktere, die zu verfolgen ein wahrer Genuss ist, mal einfach nur das Gefühl, in diese wunderbare Welt abtauchen zu können und wirklich da zu sein.

The Way of Kings wirkt besonders beim ersten Lesen sehr verwirrend. Es gibt viele kleine Details, die scheinbar nicht erklärt werden, deren Erklärung aber ebenfalls im Detail, den Folgebänden und manchmal auch in anderen Cosmere-Bänden steckt. Auch wenn man vielleicht nicht unbedingt weiß, was gerade vor sich geht (womit es einem wie den Protagonisten geht), hat man das stete Gefühl, dass etwas vor sich geht, etwas sehr, sehr Gefährliches.

Nun, die Stormlight Bände sind, wie jeder Cosmere-Band, eine unbedingte Empfehlung. Aber das  dürfte an dieser Stelle wohl ohnehin klar sein. Ich empfehle übrigens, das Album Epica von Audiomachine beim Lesen zu hören. Es erwies sich für mich als der beste Soundtrack zum Buch.

I will protect those who cannot protect themselves.
Das zweite Ideal der Strahlenden Ritter, The Way of Kings, S.1156

They named it the Final Desolation, but they lied. Our gods lied. Oh, how they lied. The Everstorm comes. I hear its whispers, see ist stormwall, know its heart.
The Way of Kings, S. 1158


Autor: Brandon Sanderson
Titel: The Stormlight Archive: The Way of Kings
Sprache: Englisch
Umschlag- und Innenillustration: Michael Whelan, Isaac Steward, Ben McSweeney, Greg Call
Reihe: Band 1
Seiten: 1258
Originalpreis: $8.99
Verlag: Tor Books
Genre: Fantasy
ISBN: 978-0-7653-6527-9
Erscheinungsjahr: 2011

Weitere Rezensionen
- All meine Träume (zu »Der Weg der Könige«, der ersten Hälfte des Buches)

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