Denn ich fresse nicht nur Jungfrauen!

Dienstag, 23. August 2016

Rezension: Fettlogik überwinden von Dr. Nadja Hermann

https://fettlogik.wordpress.com/
„Mensch, irgendwie hast du ein paar Röllchen zu viel auf den Rippen.“ Diese Erkenntnis haben so oder so ähnlich mit Sicherheit bereits viele gemacht, und das schließt mich nicht aus. Also fängt man an zu recherchieren, wird quasi sofort vom gigantischen Diät-Angebot erschlagen und wühlt sich vielleicht früher oder später zu „Fettlogik überwinden“ von Dr. Nadja Hermann vor. 

Mich selbst hatte das Thema Abnehmen bisher nur marginal betroffen. Ich hatte gegessen, was ich wollte und so viel ich wollte und fuhr bisher ganz gut damit. Das tue ich auch jetzt noch mehr oder weniger, es sammelte sich mit den Jahren jedoch das eine oder andere Gramm zu viel an. Abgeschreckt von dem schier unendlichen Diät-Angebot hatte ich jedoch lange nicht mit dem Gedanken gespielt, etwas gegen die knapp 10kg zu viel zu unternehmen. Ich wusste einfach nicht, wo ich anfangen sollte und ob nicht doch nur irgendeine dubiose Masche der Diätindustrie dahinter stecke; die Vorurteile gegen die ganzen Diät-Programme saßen recht fest. Da wurde mir dieses Buch von Frau Hermann empfohlen, und da ich ihre Comics ohnehin gern las und bereits das eine oder andere Gute darüber hörte, legte ich es mir endlich zu. Mittlerweile habe ich es bereits zweimal gelesen, um den Inhalt zu verinnerlichen.

Hermann räumt mit ihrem Buch mit all den Fettlogiken auf, wie sie die ganzen Gerüchte nennt, die über das Abnehmen kursieren. Man solle abends auf Kohlenhydrate verzichten, man hätte eine erbliche Veranlagung zum Dicksein und durch die Gene könne man ja gar nichts dagegen machen und vieles mehr. Sie sagt dabei nicht, man solle genau dieses und jenes machen und das sein dann DAS Wunderheilmittel schlechthin, sondern klärt in erfrischender und mitunter sehr direkter Art und Weise auf und gibt Anregungen, was man machen könne. Sie ermuntert dabei, verschiedenes auszuprobieren, um zu schauen, womit man sich am wohlsten fühlt und zugleich den gewünschten Effekt erzielt.

Persönlich ging mein erster Blick bei diesem Buch in das Quellenverzeichnis. Immerhin handelt es sich pro forma hierbei um ein Sachbuch. Allein der Umfang, dreißig Seiten reine Quellen, macht einen guten Eindruck. Vor allem handelt es sich um Studien, aber auch Onlineberichte verschiedenster Art sind hier anzutreffen. Das i-Tüpfelchen ist allerdings Hermanns kritischer Umgang mit den Quellen. Sie stellt sie nicht einfach ungefragt hin, sondern setzt sie in den Kontext und sagt mitunter, warum diese oder jene Aussage in ihren Quellen Nonsens ist.

Insgesamt ist das Buch sehr gut verständlich geschrieben und auch für den Laien und nicht nur ein akademisch gebildetes Publikum leicht zu lesen. Die Autorin gibt zwar selbst an, dass manche Leser wohl meinten, einige Abschnitte seien etwas komplizierter, aber das fand ich persönlich nicht. Sie setzt nicht zu viel Vorwissen voraus, aber auch nicht zu wenig, und wenn sie doch einmal auf Dinge Bezug nimmt, die einem nicht bewusst waren, kann man immer noch selbst mal eben das Internet bemühen und hat über den Horizont des Buches hinaus etwas gelernt.

Frau Hermann ist mitunter sehr direkt, aber ich kann mir gut vorstellen, dass das vielleicht dem einen oder anderen Leser guttut, damit er wachgerüttelt wird und wahrnimmt, welches Gesundheitsrisiko sein Gewicht eigentlich darstellt – und bei denen, wo das nicht wirkt, ist wohl ohnehin Hopfen und Malz verloren. Gleichzeitig kann sie sich sehr schön über manch eine Fettlogik aufregen. Die Aussage „den Stoffwechsel ankurbeln“ scheint eine Art rotes Tuch für sie zu sein. Mitunter zeigt sie auch eine sarkastische Ader, mit der sie aber wunderbar die Absurdität einiger Fettlogiken aufdeckt.

Das ganze Buch wird aufgelockert und aufgeheitert durch Comics, die einige Fettlogiken auch in Bildern und Alltagsgesprächen stets zwischen zwei Paint-Strichmännchen illustrieren. Die Comics sind einfach gestaltet, bringen es aber immer auf den Punkt.

Vielen sind so manch eine Fettlogik gar nicht bewusst. Ich hörte zum Beispiel schon vor Jahren von den „fettmachenden Genen“, dachte diesen Gedanken aber nie zu Ende. Natürlich leuchtet es ein, dass die Gene von selbst nicht dick machen, sondern lediglich die Bedingungen schaffen, dass es einem leichter fällt Fett anzusetzen. Es war für mich durchaus einer von vielen Aha-Momenten, als ich durch das Buch mit der Nase darauf gestoßen wurde.

Dieses Buch ist alles in allem durchaus eine sehr gute Empfehlung, wenn man sich in die Thematik einarbeiten will, und bietet einen sehr hilfreichen Start. Zudem ist es nicht staubtrocken geschrieben, sondern bietet einige Unterhaltung. Ich persönlich hatte mich nach der Lektüre um einiges schlauer gefühlt und war sehr motiviert, mich darüber hinaus mit dem Thema theoretisch und praktisch auseinanderzusetzen.



Daten
Fettlogik überwinden: ISBN 978-3548376516, Ullstein, 2016, 9,99€

Kommentare:

  1. Hallo,
    Nadja Hermann hatte ein extrem hohes Gewicht, das die wenigsten Dicken haben. Deswegen war ihre Methode, eine Crash-Diät von 500 Kalorien zu machen wohl angemessen, aber für den normalen Dicken, der wesentlich weniger wiegt, ist es wahrscheinlich nicht die optimale Methode. Für mich ist es besser, eine langfristige Umstellung anzustreben mit mehr Sport, weniger Kalorien und gesünderem Essen. Anscheinend gibt es sehr unterschiedliche Auffassungen, was z.B. den Jojo-Effekt und den Hungermodus angeht. Ich finde die Auffassung der "Fettlöserin" Nicole Jäger wesentlich sinnvoller, dass man eben nicht Diät halten soll, weil diese nur kurzfristig wirkt, sondern sein Leben langfristig umstellen soll. Außerdem habe ich mit arroganten Ärzt/innen schlechte Erfahrungen gemacht, die Dicke heruntermachen und dafür sorgen, dass man jeden Arztbesuch vermeidet, so dass die Gefahr besteht, dass Krankheiten verschleppt werden. Insofern kann ich die Meinung von Nadja Hermann nicht teilen, dass Ärzte das Übergewicht nicht ansprechen. Auch der Vergleich von Essen mit Alkohol ist völlig daneben, da man wohl sein Leben lang auf Alkohol verzichten kann, aber sicher nicht auf Essen. Ich hätte auch keine Lust, alles abzuwiegen und ständig zum Arzt zu rennen wegen Blutuntersuchungen. Was das Krafttraining angeht, mache ich es auch, aber man bekommt auch als Frau sehr dicke Beinmuskeln, was natürlich den Vorteil hat, dass man keine Cellulitis hat, aber schlanke elegante Beine gibt es dadurch nicht. Das hängt vielleicht auch vom Typ ab. Außerdem denke ich, dass es unterschiedliche Typen gibt, ein Windhund kann nur halb so viel wiegen wie ein Bernhardiner, ein Vollblut ebenso halb so viel wie ein Kaltblüter, und alle haben ein Gewicht, das ihrem Typ entspricht. Wieso sollten Menschen alle gleich sein? Ich habe den Eindruck, dass beim Menschen nur der Windhundtyp als richtig akzeptiert wird. Nadja Hermann kommt mir oft ziemlich arrogant vor in ihren Auffassungen. Interessant wäre ein Diskussion zwischen Nadja Hermann und Nicole Jäger, da ich beide Bücher gelesen habe, habe ich den Eindruck, dass beide verschiedene Meinungen bezüglich Abnehmen haben und dass beide Erfahrung mit diesem Thema haben.

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    1. Hallo,

      auch Frau Hermann spricht sich grundsätzlich für eine langfristige Umstellung aus, die auch nach der Diät dafür sorgen soll, dass nie wieder Übergewicht auftritt. Ihre 500Kcal-Diät war allein für die erste Phase gedacht, wo es sinnvoll war, dass sie rasch viel Gewicht verliert, um nicht noch länger einem gesundheitlichen Risiko ausgesetzt zu sein. Ich nehme auch ihren Ratschlägen folgend ab und war nie übergewichtig (nur im oberen Normalbereich). Daher sind ihre Anregungen für jeden geeignet, der abnehmen will, egal, wie viel er über Normalgewicht ist.
      Was Jojo-Effekt und Hungermodus betrifft: Sie widerlegt sehr eindeutig die Existenz eines Hungermodus und sagt sogar, dass es Studien gibt (sie führt auch ein paar an), die zeigen, dass Zu- und Abnehmen, so lange es im Rahmen des mehr oder weniger gesunden Gewichts bleibt, keinen schädlichen Effekt hat. Somit sind Hermanns Anregungen wohl genauso sinnvoll wie die von Nicole Jäger.
      "Außerdem habe ich mit arroganten Ärzt/innen schlechte Erfahrungen gemacht, die Dicke heruntermachen und dafür sorgen, dass man jeden Arztbesuch vermeidet, so dass die Gefahr besteht, dass Krankheiten verschleppt werden." Arschlöcher gibt's halt überall ... Ebenso kann ich mir sehr wohl vorstellen, dass es auch Ärzte gibt, die das nicht ansprechen, um nicht als "Arschloch" betrachtet zu werden. Zudem, und da wird mir jeder zustimmen, nimmt jeder Mensch eine Aussage anders auf. Manche flippen schon bei absolut harmlosen Sachen aus, weil sie hyperemfpindlich sind, andere lässt dieselbe Aussage absolut kalt. Nun die Ärzte prinzipiell vorzuschieben, ist auch nicht das Richtige. Hermann beschreibt selbst in ihrem Buch, dass sie verschiedene Ärzte hatte, ehe sie denjenigen fand, mit dem sie am besten klar kam. Und das hat jetzt wirklich nichts nur mit abnehmen zu tun, das gilt doch eigentlich immer: Man muss denjenigen findet, mit dem man am besten klar kam. Das sagte mir mein Psychotherapeut anno dazumal gleich zu Beginn: Wenn ich nicht ganz mit ihm auf einen grünen Zweig komme, steht es mir frei zu wechseln. Er riet mir sogar dazu, sollte ich irgendwie nicht ganz mit ihm klar kommen. (Ich kam mit ihm klar und bleib bei ihm.)
      "Ich hätte auch keine Lust, alles abzuwiegen und ständig zum Arzt zu rennen wegen Blutuntersuchungen." Jain. Das habe ich am Anfang gemacht, wo es für mich besonders wichtig war (und auch schön auf der Waage anzusehen war), rasche Erfolge zu erzielen. Mittlerweile mache ich es nicht mehr. Hermann rät zwar nicht ohne Grund davon ab, aber ich nehme immer noch ab, wenn auch langsam. Mir persönlich ist das Recht so, muss jeder für sich entscheiden. Ich erachte es aber dennoch als sinnvoll, gerade am Anfang auf die Kalorien zu achten. Und nein, man muss nicht ständig zum Arzt rennen. Die Aussage Hermanns muss man in Relation setzen. Sie hatte ein extremes Defizit, das, wenn sie es nicht in ärztlicher Begleitung durchgeführt hätte, durchaus zu Mangelerscheinungen hätte führen können. Deswegen musste sie regelmäßig Blutuntersuchungen machen. Die meisten haben wohl ein "normales" Defizit von ca. +- 500kcal, würde ich meinen, da ist nichts gefährlich. Wahrscheinlich würde der Arzt einen da sogar schief angucken, wenn man als kerngesunder Mensch mit keinem bis kaum Übergewicht da ankommt und eine regelmäßige Blutuntersuchung haben will.
      "aber schlanke elegante Beine gibt es dadurch nicht." Hat Hermann, soweit ich mich entsinnen kann, auch nie im Buch behauptet. Und kommt doch darauf an, mit welcher Ausrichtung man das macht: intensiv, moderat, kaum. Das wirkt sich doch auch auf den Muskelaufbau auf und wie intensiv der in Erscheinung tritt.
      (1/2)

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    2. (2/2)
      "Wieso sollten Menschen alle gleich sein?" Weil Menschen alle gleich sind. Die genetischen Unterschiede sind bei uns wesentlich geringer als bei verschiedenen Hunderassen. Der Mensch wird nicht gezüchtet. Der Vergleich funktioniert vorn und hinten nicht.
      "Nadja Hermann kommt mir oft ziemlich arrogant vor in ihren Auffassungen." Manche mögen das so empfinden. Wie ich aber in meiner Rezi schrieb, finde ich genau das gut. Sie ist nicht arrogant, sie ist direkt und offen.

      Grüße

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